Orgelbauer, anonym ca. 1480

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Walcker-Stiftung für orgelwissenschaftliche Forschung

www.walcker-stiftung.de

Wozu orgelwissenschaftliche Forschung?


Unter orgelwissenschaftlicher Forschung versteht die Walcker-Stiftung jede auf Erkenntnisgewinn zielende und eine objektive, wissenschaftliche Methodik zur Anwendung bringende Beschäftigung mit Orgeln und ihrer Musik. Der angestrebte Erkenntnisgewinn und die dementsprechende Methodik können sehr unterschiedlicher Natur sein: Die Auswertung historischer Quellen hinsichtlich der Orgelgeschichte zählt ebenso dazu wie beispielsweise die musikhistorische Erforschung von Orgelmusik oder die kunstgeschichtliche Erforschung von Orgelprospekten oder die Untersuchung des Orgelklangs mit physikalisch-akustischen Methoden.

Orgelwissenschaftliche Forschung kann zweifellos einen potentiellen praktischen Nutzen haben und hat diesen Nutzen ín zahllosen Fällen schon erbracht: Beispielsweise wären sachgerechte Restaurierungen und Rekonstruktionen von überkommenen, aber zwischenzeitlich zumeist veränderten und entstellten Orgeln völlig unmöglich ohne vorausgegangene orgelwissenschaftliche Forschungen, in denen die Schriftquellen nach Belege für den ursprünglichen Zustand der Orgel und Hinweise auf spätere Eingriffe durchsucht werden und in denen erhaltene Instrumente gleicher Machart ausfindig gemacht und untersucht werden, die als Vorbilder für die zu rekonstruierenden Teile dienen könnten.

Darüber hinaus kann orgelwissenschaftliche Forschung dem Orgelbau und der Orgelkomposition der Gegenwart und der Zukunft entscheidende Impulse geben. Dies ist insbesondere in den Jahrzehnten ab 1925 der Fall gewesen, als die Musik Johann Sebastian Bachs und seiner Vorgänger, die von orgelwissenschaftlichen Forschern zugänglich gemacht worden war, die Organisten anregten zu einer neuen, polyphonen, »objektiven« Musiksprache, die frei war von der damals verhaßten Sentimentalität und Subjektivität der romantischen Musik. Gleichzeitig griffen Orgelplaner und Orgelbauer wesentliche Gestaltungsprinzipien des von Michael Praetorius beschriebenen norddeutschen Orgelbaus im 16. und 17. Jahrhundert auf und entwickelten diese fort zu einem modernen, zur Darstellung von polyphonen Stukturen geeigneten Orgeltyp.

Solche praktischen Nutzanwendungen orgelwissenschaftlicher Erkenntnisse sind jedoch nicht der eigentliche Grund und Zweck orgelwissenschaftlicher Forschung. Wie jede echte Wissenschaft hat die orgelwissenschaftliche Forschung ihren Ursprung einzig und allein in der puren, zwecklosen Neugierde, die gepaart ist mit dem Drang, die Welt um uns herum zu verstehen hinsichtlich ihrer Entstehung und ihrer Funktionsweise. Beides wird ausgelöst durch das bloße Vorhandensein der heutigen Instrumente und ihrer Musik sowie der zahllosen Quellen, die von früheren Orgeln, ihrer Bauweise und ihrer Musik berichten. Ob die Ergebnisse der aus diesem Drang heraus angestellten Forschungen irgendwann eine Nutzanwendung im Orgelwesen unserer Zeit oder der Zukunft finden, ist für die Orgelwissenschaft völlig bedeutungslos. Natürlich ist es erfreulich, wenn dies geschieht, aber ihr eigentliches Ziel ist die Stillung des Wissens- und Verstehensbedürfnisses des Forschungstreibenden, das ein menschliches Urbedürfnis ist.

Wie für jede Wissenschaft ist es auch für die Orgelwissenschaft lebensnotwendig, daß sie allein der zwecklosen Neugier und dem Verstehensdrang verpflichtet ist. Denn wenn eine Wissenschaft nicht der Stillung des Wissens- und Verstehensbedürfnisses dient, sondern irgend welchen praktischen oder ideologischen Zwecken, ist sie auf mindestens einem Auge blind und mit einem Fuß lahm und läuft deshalb bald im Kreis ohne wirklich voranzukommen. Bei der Orgelwissenschaft war dies im 20. Jahrhundert zeitweise der Fall, als sie primär dazu diente, die vorgefaßten Meinungen und Wertsetzungen einer Laienbewegung zu untermauern: daß der barocke Orgelbau der Höhepunkt der Orgelbaukunst gewesen ist, daß die barocke Orgel die beste aller Orgeltypen ist, daß Schleifladen besser sind als Kegelladen, daß mechanische Traktur besser ist als pneumatische und elektrische usw.

Heute spielen diese vorgefaßten Wertsetzungen keine Rolle mehr, daher wird die Orgelwissenschaft nicht mehr benötigt zu ihrer Untermauerung. Zwar ist deshalb das Interesse an der Orgelwissenschaft sichtlich abgekühlt, dafür aber ist sie nun wieder frei, dem puren, zwecklosen Wissens- und Verstehensbedürfnis zu dienen, also echte Wissenschaft zu sein. Heute können vorurteilsfrei die jeweiligen musikalischen und technischen Vorzüge der verschiedenen Ladensysteme untersucht und gegeneinander abgewogen werden – das Ergebnis muß nicht mehr irgend welche vorgefaßten Meinungen stützen. Heute kann vorurteilsfrei die Entwicklung des Orgelbaus in den letzten 2000 Jahren untersucht werden, Arp Schnitger muß sich nicht mehr als der krönende Höhepunkt der Entwicklung herausstellen – dafür kann heute die unglaubliche Vielfalt in der Orgelgeschichte wahrgenommen werden.

Freilich ist es für eine Wissenschaft, die sich nicht irgend welchen praktischen oder ideologischen Zwecken unterwirft, oft schwierig, die notwendige finanzielle Unterstützung zu finden. Dies gilt insbesondere für die heutige Zeit, welche stärker als frühere Zeiten dazu tendiert, die Wissenschaften am wirtschaftlichen Nutzen auszurichten. Um so größere Bedeutung für die Orgelwissenschaft kommt der Walcker-Stiftung für orgelwissenschaftliche Forschung zu, die keine wirtschaftlichen Interessen verfolgt und daher in der Lage ist, ihre Förderung allein mit Blick auf den wissenschaftlichen Erkenntniswert zu lenken.

Orgeltabulatur aus dem Buxheimer Orgelbuch, ca. 1460-70

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